Legasthenie und Hochzeit

2011 nahm eine gewisse Frau A. zu mir Kontakt auf. Sie schilderte mir, dass ihr Partner Herr B., 47 Jahre alt, nicht regelkonform lesen und schreiben könne. Sie würde deshalb eine Legasthenie vermuten. Da Herr B. zum damaligen Zeitpunkt zu schüchtern war und auch Scham hatte, ließ sie mich wissen, dass sie ihm aber damit helfen wolle, indem sie einen Erstkontakt zu mir als diplomierten Legasthenietrainer herstelle. Wir vereinbarten einen Gesprächstermin.

An jenem Tag erzählte mir Frau A., dass ihr aufgefallen sei, dass ihr Freund in Gaststätten und Restaurants immer nach ihr bestellte und immer dasselbe orderte wie sie. Nachdem ihr dieses mehrfach aufgefallen war, sprach sie ihn daraufhin an. Herr B. gestand ihr, dass er nicht richtig lesen und schreiben könne. Dieses Geständnis fiel Herrn B. nicht leicht, so berichtete er, denn er habe Angst gehabt, seine Freundin zu verlieren. Herr B. machte aber während des weiteren Verlaufs des ausführlichen Anamnesegesprächs überzeugend deutlich, dass er unter der Situation des Nichtrichtig-lesen- und schreiben könnens sehr leide, sich dafür schäme, aber nun endlich etwas ändern wolle.

Weiterhin berichtete Herr B., dass bisher seine Töchter seine als Handwerker zu führende Stundenzettel korrigieren würden, da er diese bei seinen Kunden vorlegen und unterschreiben lassen müsste. Würde er dies nicht tun, so meinte er, gelte er als dumm und unqualifiziert. Wenn seine Töchter verhindert seien, greife er auch gerne zu der Ausrede, er habe keine Zettel mehr dabei und würde am Folgetag nochmals vorbeikommen, um sich eine Unterschrift geben zu lassen. Auch das Lesen von Straßennamen auf dem Weg zur Kundschaft bereitete ihm Probleme. Kurzum: Durch seine Lese- und Rechtschreibproblematik stoße er oftmals an seine Grenzen. Im weiteren Verlauf der Anamnese legte Herr B. ebenfalls dar, dass er Defizite in seiner Konzentrationsleistung habe. Nach unserem vertrauensvollen Gespräch und einiger Erläuterungen meinerseits vereinbarten wir einen Termin um baldigst mit dem Training zu beginnen.

In unserer ersten Trainingsstunde 2011 ließ ich ihn zunächst einen kurzen Absatz lesen und einige Sätze schreiben. Um ihm den Einstieg zu erleichtern, sollten dies Wörter und Sätze sein, die er sich selbst ausdenken sollte. Hier zeigten sich erhebliche Schwierigkeiten und Defizite in der Orthografie, Leseleistung und Textverständnis. Ich entschied mich, mit ihm an die Erarbeitung des Alphabets heranzugehen. Herr B. war emotional betroffen, da er feststellen musste, dass er dieses nicht fehlerfrei aufsagen konnte. An dieser Stelle war natürlich Einfühlungsvermögen gefragt. Im weiteren Verlauf übten wir in einer wöchentlichen Regelmäßigkeit; zu Hause übte er regelmäßig mit Frau A.. So konnten wir erfreuliche Fortschritte im Leseverstehen, der Leseflüssigkeit, der Konzentrationsfähigkeit und der Rechtschreibleistung machen. Machte er anfangs bei ca. 120 Wörtern rund 50 Fehler, so sind wir heute bei nicht mehr als 10 Fehlern. Die Vertrauensbasis zwischen uns festigte sich und so bat er mich eines Tages, einen Liebesbrief für seine Partnerin
nachzuschauen, was ich natürlich gerne tat.

Mittlerweile haben wir das Trainingsintervall auf 14-täglich verändert. Das Training mache ihm weiterhin Spaß. Er möchte dieses auch zukünftig in seinem Wochenrhythmus integrieren. Letztlich wurde ich sogar zu seiner diesjährigen Hochzeit eingeladen.

Nik Dinges-VonderlehrNik Dinges-Vonderlehr 
Büdingen, Hessen
www.lfz-stressfrei.de

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